Entropium

Entropium – eine komplexe Erbkrankheit

Im Gegensatz zu den Erbfehlern werden komplexe Erbkrankheiten einerseits von mehreren Genen und andererseits vermehrt durch weitere Faktoren wie z.B. Ernährung, Umwelt oder Inzucht beeinflusst. Die Merkmalsbildung ist somit multifaktoriell und entspricht eher dem Modell, mit dem in der Tierzucht auf Leistungsmerkmale wie z.B. Fleisch oder Milch gearbeitet wird. Ein Beispiel für eine Augenerkrankung mit bekannter genetischer Komponente stellt die angeborene Einwärtsdrehung der Augenlider, das sogenannte Entropium, dar.

 

Symptome

Diese Erbkrankheit wird erst bei näherer Untersuchung des Auges erkennbar. Man beobachtet meist an einem, seltener an beiden Augen neugeborener oder wenige Tage alter Schaflämmer eine vermehrte Tränensekretion. Die Entzündung kann auch eitrigen Charakter annehmen und zu Irritationen an der Hornhaut führen. Die Symptome des Entropiums entstehen durch eine Dauerreizung der Binde- und/oder Hornhaut, welche durch die Reibung der Wimpern des nach innen gerollten Augenlids verursacht wird. Reiben die Wimpern über eine längere Zeit auf der Hornhaut entstehen Hornhautschäden und die irritierte Stelle auf der Hornhaut wird trüb.

 

Der Defekt des Entropiums beruht auf einer angeborenen Anomalie des Augenlidaufbaues mit überschüssiger Haut. Vereinzelt kann die angeborene Kleinäugigkeit mit dem Entropium verwechselt werden. Zu beachten ist  jedoch, dass die Augäpfel beim Entropium in der Regel normal ausgebildet sind.

 

Diagnose

Das Entropium lässt sich bei neugeborenen Lämmern durch Ausrollen des Lides relativ leicht erkennen. Hierbei zieht man mit dem Daumen die äussere Haut der Lider nach oben bzw. nach unten, bis der eingerollte Lidrand mit den Wimpern sichtbar wird. Beim Loslassen rollt sich das betroffene Lid wieder nach innen ein. Je nach Schweregrad führt das Entropium zu Sehstörungen bis zur Blindheit.

 

Eine ähnliche Augenkrankheit stellt der seltener vorkommende, ebenfalls erblich bedingte, mangelnde Lidschluss dar. Infolge eines herunterhängenden Unterlides gelangen hierbei leicht Staub oder Fremdkörper auf die Lidbindehaut. Dadurch entsteht ein permanenter Reizzustand an der Augenschleimhaut und möglicherweise auch an der Hornhaut .

Erworbene Augenentzündungen der Binde- oder Hornhaut können dem Erscheinungsbild des angeborenen Entropiums sehr ähneln. Zum Beispiel können diese durch sekundäre Infektionen nach Belastung mit Staub oder Sägemehl, welches häufig als Einstreu in Viehtransportern verwendet wird, ausgelöst werden. Ausserdem können in seltenen Fällen vereinzelt Fremdkörper aus Heu und Stroh zu einem krampfhaften Lidschluss, verbunden mit Lideinrollung führen.

 

Therapie

Wird das Entropium über längere Zeit nicht behandelt, können schwere Hornhautschäden auftreten, die zur Erblindung führen können. Zur Therapie des Entropiums ist das mehrmalige manuelle Herunterziehen der Augenlider erfolgversprechend. Ansonsten kann der Tierarzt eine Raffnaht ans Unterlied setzen, das eingerollte Lid mit Paraffin oder Penicillin unterspritzen, bis es sich ausrollt oder chirurgisch behandeln, indem er nach lokaler Betäubung einen V-förmigen Schnitt in der Mitte unter dem Lidrand anlegt, die Haut dort keilförmig entfernt und die Wunde anschliessend vernäht. Eventuelle Schäden / Irritationen an der Hornhaut sowie eventuelle Infektionen können mit einer geeigneten Augensalbe behandelt werden.

 

Es gilt aber zu bedenken, dass durch eine Behandlung einer Erbkrankheit diese wie im Fall des Entropiums zwar mehr oder weniger unsichtbar wird, das Tier jedoch die genetische Veranlagung weiterhin trägt und an seine Nachkommen weitergeben kann. Somit können erfolgreich behandelte Zuchttiere später nicht mehr von erbgesunden Schafen unterschieden werden. Der Empfehlung, dass die behandelten Lämmer nicht in der Zucht eingesetzt werden sollen, wird selten nachgegangen. Somit ist aus Sicht der Tierzucht die Behebung einer Erbkrankheit ohne gleichzeitigen Ausschluss aus der Zucht abzulehnen.

 

Selektion / Eindämmung der Verbreitung

Das Auftreten des Entropiums wurde in der Vergangenheit bei verschiedenen Schafrassen weltweit vorkommend als komplexe Erbkrankheit mit einer genetischen Beteiligung (Erblichkeit) beschrieben. Innerhalb bestimmter Rassen und Linien ist eine erhöhte Anzahl betroffener Lämmer beobachtet worden. Die Krankheitsanfälligkeit hängt jedoch nicht von einer Mutation in einem einzelnen Gen ab, wie am Beispiel der angeborenen Blindheit bei Texelschafen dargestellt. Daher ist damit zu rechnen, dass beim Entropium nicht unbedingt in jeder Generation erkrankte Lämmer auftreten. Das Vererbungsmuster ist komplex, da vermutlich mehrere Gene beteiligt sind.

 

Die Selektion erkrankter und als Anlageträger verdächtiger Tiere ist nachweislich geeignet, die Erkrankungsrate innerhalb einer Population erheblich zu senken. Will man das Auftreten des Entropiums in einer Rasse züchterisch verringern, sollte man zunächst auf jeden Fall die Merkmalsträger sowie möglichst auch weitere nah verwandte Tiere (Eltern, Wurfgeschwister) aus der Zucht nehmen. Diese könnten ansonsten unbemerkt die krankheitsbegünstigenden Genvarianten an ihre Nachkommen weitergeben. Nur durch konsequenten Ausschluss aus der Zucht kann die weitere Verbreitung des Entropiums eingedämmt werden.

 

 

Quelle: BGK-Bericht Forum 9/2010, Buch: Lehrbuch der Schafkrankheiten von Theodor Hiepe